Kaltwalzen vs. Ziehen: Welches Verfahren ist besser für Kupferflachdraht?

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Einleitung

Kupferflachdraht zählt heute zu den zentralen Werkstoffen der modernen Elektrotechnik und spielt insbesondere in Hochleistungswicklungen, Transformatoren, Anwendungen der E-Mobilität sowie in der Leistungselektronik eine entscheidende Rolle. Durch seine rechteckige Geometrie ermöglicht Kupferflachdraht im Vergleich zu konventionellem Runddraht eine deutlich höhere Packungsdichte, was nicht nur den Bauraum optimal ausnutzt, sondern zugleich die Wärmeabfuhr und damit die Betriebssicherheit elektrischer Systeme verbessert.

In der industriellen Fertigung ist die Wahl des geeigneten Umformverfahrens von fundamentaler Bedeutung, da sie direkten Einfluss auf die Maßhaltigkeit und Reproduzierbarkeit des Endprodukts hat, die elektrische Leitfähigkeit durch Kaltverfestigungseffekte beeinflusst, die Oberflächenqualität im Hinblick auf nachgelagerte Isolations- oder Beschichtungsprozesse bestimmt und nicht zuletzt die Produktionskosten sowie die Energieeffizienz der gesamten Linie prägt.

Vor diesem Hintergrund haben sich insbesondere zwei Verfahren etabliert: das Kaltwalzen und das Ziehen. Beide Technologien sind in der Praxis fest verankert und bieten jeweils spezifische Vorteile, unterscheiden sich jedoch grundlegend in ihren physikalischen Wirkprinzipien sowie in ihren technologischen Möglichkeiten und Grenzen, was eine differenzierte Betrachtung für jede konkrete Anwendung unerlässlich macht.

Kaltwalzen

Kaltwalzen ist ein Umformverfahren, bei dem ein metallischer Draht durch rotierende Walzen plastisch zu einer flachen oder rechteckigen Geometrie verformt wird. Dabei wird das Material zwischen Walzen mit definierter Spaltweite geführt, sodass unter kontrollierter Druckbeanspruchung eine kontinuierliche Querschnittsreduktion erfolgt, bei der Breite und Dicke präzise eingestellt werden. Typischerweise kommt ein Mehrgerüst-Walzsystem mit 4 bis 12 Ständen zum Einsatz, das eine schrittweise und kontrollierte Umformung ermöglicht. Entscheidend für die Prozessstabilität ist die exakte Walzspaltregelung (AGC – Automatic Gauge Control), mit der sich Mikrotoleranzen zuverlässig einhalten lassen.

Typische Eigenschaften

  • Sehr gute Geometriekontrolle (Breite/Dicke-Verhältnis)
  • Gleichmäßige Kaltverfestigung über den Querschnitt
  • Hervorragende Oberflächenhomogenität
  • Geringe Materialverluste (kein Spanen)

Technische Parameter

Parameter

Typischer Bereich

Eingangsdraht (rund)

Ø 1.5 – 8.0 mm

Enddicke

0.05 – 2.5 mm

Bandbreite

0.5 – 12 mm

Walzgeschwindigkeit

50 – 300 m/min

Dicken-Toleranz

±0.002 – ±0.01 mm

Breitentoleranz

±0.01 – ±0.05 mm

Oberflächenrauheit (Ra)

0.2 – 0.8 µm

Prozess-Temperatur

20 – 120 °C

Walzenmaterial

Hartmetall / gehärteter Werkzeugstahl

Ziehen

Beim Ziehen wird der Draht durch eine Matrize (Ziehstein) geführt, wodurch sich der Querschnitt kontinuierlich reduziert. Das Material passiert dabei eine konisch geformte Öffnung und wird durch Zugspannung in Kombination mit Druck an der Matrizenwand umgeformt. In mehrstufigen Ziehanlagen kommen typischerweise 15 bis 25 Ziehsteine zum Einsatz, um die gewünschte Reduktion schrittweise zu erreichen. Bei der Herstellung von Flachdraht kann dieses Verfahren jedoch zu Kanteninstabilität sowie zu einer ungleichmäßigen Breitenverteilung führen.

Typische Eigenschaften

  • Sehr hohe Längenpräzision
  • Gute Oberflächenqualität bei optimaler Schmierung
  • Hohe Prozessgeschwindigkeit möglich
  • Eingeschränkte Kontrolle über rechteckige Geometrien

Technische Parameter

Parameter

Typischer Bereich

Eingangsdurchmesser

Ø 0.5 – 8.0 mm

Reduktionsverhältnis pro Zug

10 – 25 %

Gesamtverformungsgrad

bis zu 95 %

Ziehgeschwindigkeit

300 – 1500 m/min

Toleranz (rund)

±0.001 – ±0.005 mm

Oberflächenrauheit (Ra)

0.1 – 0.6 µm

Schmierung

Nass- oder Trockenziehen

Matrizenmaterial

Diamant / Hartmetall

Prozessablauf im Vergleich

Prozessschritt

Kaltwalzprozess

Ziehprozess

Drahtvorbereitung

Entzundern und gründliches Reinigen zur Sicherstellung einer sauberen Oberfläche; optionales Vorziehen zur Einstellung einer definierten Ausgangsgeometrie

Beizen zur Entfernung von Oxidschichten und Phosphatieren als Trägerschicht für Schmiermittel; anschließender Schmiermittelauftrag

Umformprozess

Mehrstufiges Walzen über mehrere Gerüste mit progressivem Dickenabbau und gezielt gesteuerter Breitenzunahme

Mehrstufiges Ziehen durch eine Sequenz von Ziehsteinen mit definierten Reduktionsstufen; optional Zwischenrekristallisationsglühen zur Reduktion der Kaltverfestigung

 

Prozesskontrolle / Messung

Inline-Messsysteme wie Laser-Dickenmessung mit hoher Präzision (bis ±0.001 mm) sowie optische Breitenkontrolle zur Sicherstellung der Geometrie

Indirekte Prozesskontrolle über Ziehkraft, Geschwindigkeit und Temperatur; keine kontinuierliche Breitenkontrolle bei nicht-runden Profilen

 

Schmierung

In der Regel minimale oder gezielte Schmierung zur Reduktion von Reibung und Walzenverschleiß

Zentrale Rolle im Prozess: Einsatz von Emulsionen oder Pulver; typischer Reibungskoeffizient zwischen 0.05 und 0.1

Aufwicklung

Präzise Spannungsregelung (typisch ±2 %) zur Vermeidung von Kantenrissen und Geometrieverlust

Aufwicklung bei sehr hohen Geschwindigkeiten mit vergleichsweise geringer Drahtspannung zur Sicherstellung stabiler Prozessbedingungen

Diese tabellarische Gegenüberstellung zeigt deutlich, dass der Kaltwalzprozess stärker auf Geometriekontrolle und Inline-Qualitätssicherung ausgelegt ist, während der Ziehprozess seine Stärken in hoher Geschwindigkeit und effizienter Querschnittsreduktion ausspielt.

Technischer Vergleich

Kupferflachdraht Produktion
Kupferflachdraht Produktion

Präzision und Maßkontrolle

Im direkten Vergleich bietet das Kaltwalzen klare Vorteile bei rechteckigen Profilen, da Breite und Dicke unabhängig voneinander präzise eingestellt und stabil gehalten werden können. Das Ziehen hingegen eignet sich besonders für Runddraht und ermöglicht dort sehr enge Durchmessertoleranzen mit hoher Wiederholgenauigkeit.

Oberflächenqualität und Produktivität

Beim Kaltwalzen entsteht eine gerichtete, technisch homogene Oberfläche, die sich ideal für nachgelagerte Beschichtungsprozesse eignet. Das Ziehen kann bei optimaler Schmierung sehr glatte Oberflächen mit geringer Rauheit erzeugen und erreicht zudem deutlich höhere Produktionsgeschwindigkeiten von bis zu 1500 m/min, während Walzprozesse langsamer, aber prozessstabil sind.

Werkzeugverhalten und Formkontrolle

Ziehsteine unterliegen bei unzureichender Schmierung einem höheren Verschleiß, was die Betriebskosten erhöhen kann, während Walzen in der Regel längere Standzeiten aufweisen, jedoch eine höhere Investition erfordern. Besonders bei der Formkontrolle zeigt das Kaltwalzen Vorteile, da es präzise rechteckige Geometrien mit stabilen Kanten ermöglicht, während das Ziehen auf einfache, meist rotationssymmetrische Querschnitte beschränkt ist.

Anwendungsszenarien

Einsatz von Kaltwalzen

  • Kupferflachdraht für Transformatoren
  • Hairpin-Wicklungen in Elektromotoren
  • Hochpräzise Leiter für Leistungselektronik
  • Rechteckdraht mit engen Toleranzen

Einsatz von Ziehen

  • Runddrahtproduktion (Kupfer, Aluminium, Edelstahl)
  • Vorstufenprozesse
  • Hochgeschwindigkeitsfertigung großer Mengen

Kombination beider Verfahren

Die Kombination beider Verfahren vereint die jeweiligen Stärken optimal: Das Ziehen wird als effizienter Vorprozess eingesetzt, um den Draht schnell auf einen definierten Durchmesser zu reduzieren und eine stabile Ausgangsbasis zu schaffen. Anschließend erfolgt das Kaltwalzen als Endbearbeitung, bei der die finale Flachgeometrie mit hoher Präzision, exakter Maßhaltigkeit und hervorragender Oberflächenqualität erzeugt wird.

Vorteile der Kombination

  • Optimale Produktivität + Präzision
  • Reduzierter Werkzeugverschleiß
  • Verbesserte Materialeigenschaften
  • Stabiler Prozess auch bei ultrafeinen Abmessungen (<0.1 mm Dicke)

Fazit

Kaltwalzen und Ziehen sind keine konkurrierenden, sondern sich ergänzende Verfahren: Ziehen steht für hohe Geschwindigkeit und Effizienz, während Kaltwalzen durch Präzision und exakte Formkontrolle überzeugt. Für Runddraht ist Ziehen die optimale Wahl, für Kupferflachdraht mit engen Toleranzen hingegen Kaltwalzen. In der industriellen Praxis liefert die Kombination beider Prozesse die besten Ergebnisse.

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